Wie neu geboren

Weihnachten 2004 wird Roswitha Vogel nie vergessen. Ihr Mann hatte ihr einen Computer geschenkt. Das veränderte ihr Leben. Niemand wusste damals, dass sie weder schreiben noch lesen konnte.

Roswitha Vogel

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Jahrzehnte lang schleppte Roswitha Vogel ihr Handicap mit sich herum. Nicht einmal ihrem Mann erzählte sie davon. Dann fasste sie den Entschluss, ihre Familie einzuweihen und das Lesen und Schreiben zu lernen. Im Interview erzählt die Mutter von vier Kindern, was das heute für sie bedeutet und wie sie vorher ihren Alltag erlebt hat.

Frau Vogel, Sie haben im Alter von 47 Jahren begonnen Lesen und Schreiben zu lernen. Wie kam es dazu?

Oh, das war ein großes Glück: Mein Mann hatte mir zu Weihnachten einen Computer geschenkt. Da habe ich mich dann entschieden Lesen und Schreiben zu lernen. Allerdings bin ich, wie ich zugeben muss, erst einmal ganz schön erschrocken. Es wusste ja niemand davon, dass ich Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte.

Wusste denn auch Ihr Mann nichts von Ihren Schwierigkeiten?

Nein. Ich habe vorher alles darangesetzt, das zu verstecken, auch vor ihm. Ich habe mich sehr geschämt. Ich hatte Angst, dass er mich für dumm hält und mich verlässt. Und ich hatte überhaupt wahnsinnige Angst, dass jemand etwas bemerkt und ich wieder als dumm hingestellt werde. In der dritten Klasse fing es an, dass meine Diktate immer nur rot waren. Dann kam ich auf die Sonderschule. Und von da an wurde ich als dumm abgestempelt.

Das muss eine sehr große Belastung gewesen sein. Wie haben Sie das bewältigt?

Ich war ständig auf tausend Volt, stand immer unter einer riesigen Anspannung. Ich war ja auch dauernd auf Hilfe angewiesen und konnte doch den wahren Grund dafür nicht sagen. Wenn ich etwas ausfüllen musste, zum Beispiel für das Arbeitsamt, dann hat das ein Bekannter für mich gemacht. Dem habe ich gesagt, dass ich meine Brille nicht finden kann, oder dass ich mir die Hand verstaucht habe. Und ich habe sehr viele Dinge gemieden. Zum Beispiel bin ich nie ins Kino oder ins Schwimmbad gegangen. Auch Kontakten mit Menschen bin ich aus dem Weg gegangen. Ich habe mich sehr einsam gefühlt.

Und der Computer zu Weihnachten brachte die Wende?

Ja. Ich wollte mich nicht mehr verstellen und verstecken. Als ich den Computer geschenkt bekam, habe ich mich dann zuerst meiner ältesten Tochter anvertraut. Ihre Reaktion war gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. „Mama, du bist nicht dumm“, hat sie gesagt, „du kannst alles!“ Das hat mir die Kraft gegeben, mich zu einem Kurs anzumelden und mit dem Lernen anzufangen. Meinem Mann habe ich es erst später erzählt. Und auch er hat sehr toll reagiert und angefangen, mich beim Lernen zu unterstützen.

Seit neun Jahren lernen Sie nun Lesen und Schreiben. Was hat das bei Ihnen verändert?

Es hat mein ganzes Leben verändert, ich fühle mich wie neu geboren! Die Welt war mir verschlossen, heute ist sie offen. Das Lernen ist zwar sehr mühsam, aber es lohnt sich so sehr. Ich kann schon ganze Zeitungsartikel lesen. Und im letzten Jahr habe ich meiner Mutter zum ersten Mal in meinem Leben einen Brief geschrieben. Aber das Beste ist, dass ich meinen Enkelkindern Geschichten vorlesen kann. Das war bei meinen Kindern nicht möglich. Jetzt kann ich auch offen sagen, wenn ich doch nochmal Unterstützung brauche, zum Beispiel bei Formularen auf dem Arbeitsamt oder beim Arzt. Dabei habe ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht.

Glauben Sie, dass die Kampagne „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ dabei helfen kann, dass Betroffene nicht so lange schweigen müssen?

Ja, das glaube ich schon. Es ist sehr wichtig, dass Menschen wissen, was sie tun können, wenn sie den Verdacht haben, dass jemand in ihrem Umfeld nicht richtig lesen und schreiben kann. Das habe ich selbst erfahren. Meine Kinder haben mir gesagt, dass sie, als sie älter waren, schon geahnt haben, dass ich vielleicht nicht lesen und schreiben kann. Sie wussten aber nicht, wie sie mich darauf ansprechen sollten und wie sie mir hätten helfen können. Und es ist so wichtig, dass Betroffene jemanden haben, der sie zum Beispiel zur Kursanmeldung begleitet. Ich selbst bin beim ersten Mal kurz vor dem Anmeldeschalter vor Angst wieder umgedreht und nach Hause gegangen. Mithilfe einer Bekannten habe ich es dann geschafft.