Vorbild für den eigenen Sohn

Karl Lehrer arbeitet als gelernter Logistiker in einer Traktorenfirma. Wenn Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, schickt der Chef sie zu ihm. Denn Karl Lehrer kennt das Problem. Er selbst hat erst mit 26 Jahren das Lesen und Schreiben gelernt.

Karl Lehrer

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Heute ist er in seiner Firma Vertrauensmann und bewältigt seine Arbeit am Computer mit Leichtigkeit. „Ich habe immer Schriftverkehr bei der Arbeit, muss ständig Zettel schreiben und die Arbeitsschritte dokumentieren.“ Dass es so gekommen ist, verdankt er seinem Sohn.

Angst und Unsicherheit in der Kindheit

Seine Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben begannen in Lehrers Kindheit. Als kleiner Junge hatte er sich lange auf die Einschulung gefreut. Doch schon im ersten Schuljahr verwandelte sich seine Freude in Angst. „Bei den Hausaufgaben wollte meine Mutter mir helfen die Hand zu führen und die Buchstaben nachzuzeichnen“, sagt Lehrer. „Weil ich mich dabei verkrampft habe, wurde sie aber aggressiv und hat mich geohrfeigt.“

Ähnliche Probleme hatte er in der Schule: Der Lehrer wurde laut, wenn seine Schüler falsch antworteten. Auch der Direktor verteilte Schläge. „In der Schule war es damals wie zu Hause. Man sollte sich aufs Lernen konzentrieren, lebte aber in einer ständigen Angst, Fehler zu machen.“ Schon nach dem ersten halben Jahr kam Karl Lehrer auf eine Sonderschule. Er stotterte und bekam erst mit 13 Jahren eine Lehrerin, die sich wirklich Mühe mit ihm gab. Doch die Fortschritte blieben aus. Die Anerkennung, nach der er sich sehnte, konnte ihm auch seine Familie nicht geben.

Ein Leben in Schutzhaltung

Er verließ die Schule ohne Abschluss, schlug sich als Hilfsarbeiter durch, wurde arbeitslos. Niemandem fiel auf, dass Karl Lehrer nicht lesen und schreiben konnte. Makler schwatzten ihm Versicherungen auf, die er nicht bezahlen konnte. Die Post öffnete er so lange nicht, bis der Gerichtsvollzieher klingelte. Er lebte ständig in einer Schutzhaltung. Bloß nicht auffallen. Beim Mittagessen mit Kollegen bestellte er das, was die anderen nahmen, weil er die Speisekarte nicht lesen konnte. Nach einem Bänderriss ging er zum Arzt, konnte das Formular nicht ausfüllen – und lief hilflos davon. Einen Kollegen bat er, einen Liebesbrief für ihn zu schreiben. „Ich wusste nicht einmal, was drinsteht“, sagt er heute.

Hauptschulabschluss mit 38 Jahren

Die Wende im Leben von Karl Lehrer kam im Jahr 1990. Seine damalige Frau brachte den kleinen Stefan zur Welt. „Ich wollte ein gutes Beispiel für meinen Sohn sein“, sagt Lehrer. „Ich fragte mich damals, was ich mache, wenn er in die Schule kommt und meine Hilfe braucht. Ich konnte ja nicht sagen, er solle mal zur Mutter gehen.“ Deshalb meldete sich Karl Lehrer bei der Volkshochschule an und lernte Lesen und Schreiben. Seinen Hauptschulabschluss holte er 2002 nach. Mit 38 Jahren schaffte er damit die Voraussetzung für die Lehre zum Logistiker.

Vorbild für den eigenen Sohn und andere

Heute ist Karl Lehrer stolz, dass sein Sohn die Grund- und Realschule problemlos schaffte, und er ihm helfen konnte, wenn er seinen Rat suchte. Er möchte Vorbild sein für alle Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Deshalb gründete er vor 14 Jahren eine Selbsthilfegruppe. Gemeinsam gehen sie an die Öffentlichkeit und erzählen, was sie erlebt und wie sie gelernt haben. „Auch an den Schulen merken immer mehr Menschen, dass wir umdenken müssen.“ Dank des gemeinsamen Engagements mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sei schon viel verändert worden: „Das Versteckspiel wird weniger, aber ein Großteil der Betroffenen traut sich noch immer nicht, sich zu offenbaren und Hilfe zu suchen.“