Schritt für Schritt dem Aufstieg entgegen

Uwe Boldt arbeitet im Hamburger Hafen, einem der modernsten Containerhäfen der Welt. Der Kranführer liebt seine Arbeit – aber ohne richtig lesen und schreiben zu können, kam er beruflich irgendwann nicht weiter. Also meldete er sich nach langem Hin und Her für einen Volkshochschulkurs an. Seither klappt es mit dem Aufstieg – und seine Frau bekommt endlich Liebesbriefe.

Uwe Boldt

BMBF

Nicht unterkriegen lassen

Schienenzange. Oder Schinnenzahnge? Uwe Boldt ist unsicher, versucht das Wort in seine Lautsilben zu zerlegen, spricht es sich vor, seufzt und versucht es nochmal. Ein schwieriges Wort. Also umschreibt er es lieber. „Das sind dann zwar mehr Wörter, aber bei denen weiß ich inzwischen, wie sie geschrieben werden“, erklärt der Norddeutsche grinsend. „Lesen drei, Schreiben fünf“, antwortet Uwe Boldt, wenn er sich selbst beurteilen soll. Dabei lacht er laut und kernig – sich davon unterkriegen zu lassen kam für ihn nie in Frage.

Schreiben fiel ihm schwer

Uwe Boldt ist Gegenwind gewohnt. Seit er 18 Jahre alt ist, arbeitet er im Hamburger Hafen. Die Schule hat er nach der 9. Klasse verlassen. Rechnen, Sport und Werken fielen ihm leicht, nur mit dem Schreiben hatte er immer Probleme. „In meinem Zeugnis stand, ‚versetzt aus pädagogischen Gründen‘“, erinnert er sich heute. Im Klassenraum saß er in der letzten Reihe, dort, wo er nicht weiter auffiel. Ein Abschlusszeugnis besitzt er nicht. Trotzdem hat er nach der Schule eine Ausbildung zum Hafenfacharbeiter absolviert. Lesen, das konnte er ein bisschen. Und um das Schreiben kam er irgendwie immer drumherum.

Vom Hafenarbeiter zum Kranfahrer

Heute sitzt er in schwindelerregender Höhe und hievt mit seinem Kran schwere Frachten im Hamburger Hafen. Vom Hafenarbeiter zum ausgebildeten Kran- und Containerbrückenfahrer – damit er so weit kommen konnte, erwarb Uwe Boldt nach und nach alle nötigen Scheine: „Ich liebe meine Arbeit, ich wollte weiterkommen, beruflich aufsteigen“, erzählt er. Doch ohne ausreichende Lese- und Schreibkompetenz ging das nicht. Seit er aber regelmäßig in der Volkshochschule seiner Heimatstadt Lüneburg lernt, geht er solche Dinge viel selbstbewusster an.

In mehreren Anläufen zum Ziel

Eigentlich wollte Uwe Boldt nie zur Volkshochschule. Viel zu groß war die Scham. Sein erster Versuch endete darin, sechsmal an der Fassade der Volkshochschule vorbeizulaufen. Erst als er vom ALFA-MOBIL erfuhr, einer mobilen Informationsstelle des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V., machte er Nägel mit Köpfen. „Ich bin da also hin und hab’ gleich einen Termin gemacht“, erzählt Uwe Boldt. „Die Leute vom ALFA-MOBIL wissen genau, wo es Angebote vor Ort gibt.“ In Lüneburg ist das die Volkshochschule. Doch auch da musste er sich überwinden hinzugehen.

Heute ist er froh, dass er es geschafft hat: „Es hat mir gut getan zu sehen, dass es anderen ähnlich geht wie mir“, unterstreicht Uwe Boldt. Früher vermied er Situationen, in denen er zum Stift hätte greifen müssen. „Ich suche die Herausforderung. Heute noch mehr als früher“, freut sich Uwe Boldt. Sogar den Tauchschein hat er endlich gemacht – „ein lang gehegter Wunsch.“ Und ob es jetzt Schienenzange oder Schinnenzahnge heißt, das kriegt er auch noch raus. Da ist sich der Lüneburger ganz sicher.