Endlich selbstbewusst!

Lorenz Woyack lernt in einem Kurs des Arbeitskreises Orientierungs- und Bildungshilfe (AOB) regelmäßig Lesen und Schreiben. Mittlerweile hat der Berliner schon einige Bücher gelesen.

Lorenz Woyack

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Die Neugierde wächst

Zwei Mal pro Woche besucht Lorenz Woyack seinen Kurs. Je 90 Minuten mit sieben Lernenden. Er brütet über dem Lehrbuch und liest laut einen Satz vor. Seit seiner Kindheit plagt ihn ein Sprachfehler. Zischlaute wie „sch“ und „z“ kann er nur schwer aussprechen. In zahlreichen Sitzungen mit einer Logopädin übte er ausdauernd die Aussprachetechniken und glättete die ärgsten Fehler. „Besonders schwer zu lesen sind Wörter, die aus dem Englischen oder Französischen kommen“, sagt Lorenz Woyack. „Immer, wenn die Wörter anders geschrieben als sie ausgesprochen werden, habe ich Probleme.“ Sein Ehrgeiz zu lernen, ist groß. Wenn ihn heute ein Buch neugierig macht, liest er sogar abends im Bett: „Das weckt Neugierde. Wenn ich lese, merke ich, dass ich selbstsicherer werde.“ Doch das war nicht immer so.

In einem Auf und Ab durchs Leben

Lorenz Woyacks Dilemma begann schon im dritten Schuljahr. Weil er Schwierigkeiten hatte Lesen und Schreiben zu lernen, kam er auf eine Sonderschule. Dort habe sein Lehrer ihm kaum geholfen und dafür mit erhobenem Zeigefinger gewarnt: „Wenn Du nicht lernen willst, wirst Du es später bereuen!“ Mit 15 Jahren verließ Lorenz Woyack die Schule.

Im Beruf fand er das, was ihm im Klassenraum immer verwehrt blieb: Anerkennung. Nach einem Praktikum als Bauhelfer wurde er direkt übernommen, verdiente sein eigenes Geld und zog kurz vor seinem 17. Geburtstag in eine eigene Wohnung. Lesen und Schreiben – auf den Baustellen war das nicht gefragt. Niemand wusste, dass der tüchtige Handwerker Lorenz Woyack ein Analphabet ist. Fünf Jahre lang ging das so. Dann hat die Firma geschlossen.

Der Jobverlust traf Woyack wie ein Schlag. Er musste sich arbeitslos melden, konnte beim Amt aber die Formulare nicht ausfüllen. Heute ärgert er sich: „Ich hätte mich jemandem anvertrauen müssen, dass ich nicht lesen und schreiben kann. Stattdessen bin ich zeitweise verzweifelt.“ Den Anspruch auf Arbeitslosengeld verschenkte er somit.

Eigenverantwortung übernehmen

Wegen einer Krankheit ist Woyack Rentner. Trotzdem setzt er sich nicht zur Ruhe, sondern möchte im Leben noch vieles erreichen: „Für mich ist das Ziel, unabhängig von anderen zu werden und Eigenverantwortung zu übernehmen. Seit ich Lesen und Schreiben lerne, kommt mein Selbstwertgefühl zurück.“

Sein Rat an alle Lernerinnen und Lerner: Spracherwerb erfordert Geduld. Niemand solle erwarten, dass man es nach zwei Jahren könne. „Ich gehe auch dann in die Schule, wenn ich mal keine Lust habe“, sagt Woyack.