Endlich den Enkeln vorlesen können

Ute Holschumacher

Markus Wächter/DuMont

„Das habe ich mir immer gewünscht“, sagt Ute Holschumacher und schwärmt von den gemeinsamen Stunden mit ihrer 9-jährigen Enkelin: „Ich lese eine Seite vor und sie liest eine Seite vor, immer abwechselnd. Das konnte ich mit meiner Tochter damals nicht machen.“ Dabei hat sie acht Jahre lang die Schule besucht und ganz regulär einen Abschluss gemacht, trotz schlechter Noten in Deutsch und Mathe.

Vieles kam zusammen in der Kindheit von Ute Holschumacher und war in der Summe wohl der Grund dafür, dass sie in der Schule vieles verpasste: ein gewalttätiger, alkoholkranker Vater, desinteressierte Lehrer, der frühe Tod einer Erzieherin, die sie unter ihre Fittiche genommen hatte.

Nur mit Verband zur Bank

Dennoch ging die heute 57-Jährige ihren Weg, wenn er auch besonders beschwerlich war: 17 Jahre lang arbeitete sie in einer Großküche und wurschtelte sich so durch. Ihr Chef wusste, dass sie nicht richtig lesen konnte, es störte ihn nicht. Eine Kollegin stieß sich aber offenbar doch daran und beleidigte sie immer wieder. „Ich ging immer angespannt durchs Leben“, sagt Ute Holschumacher heute. Kein Wunder, musste sie doch ständig Strategien entwickeln, um ihre Leseschwierigkeiten zu verheimlichen: Vor einem Banktermin wickelte sie sich einen Verband um den Arm – die perfekte Ausrede, um den Bankangestellten zu bitten, den Überweisungsschein auszufüllen.

„Ich fühle mich jetzt frei“

Doch einen gab es, der ließ sich nicht täuschen: ihr Enkelsohn. „Ich habe mich oft mit einem Buch zu ihm gesetzt und dann einfach ausgedachte Geschichten erzählt“, berichtet die zweifache Großmutter. Irgendwann fragte er sie direkt: „Oma, kann es sein, dass du nicht lesen kannst?“ Gar nicht böse hat er das gemeint und auch gesagt, dass er ihre ausgedachten Geschichten schön fand. Doch der Knoten war geplatzt und als dann eine Mitarbeiterin des Jobcenters Ute Holschumacher einen Alphabetisierungskurs empfahl, nahm sie das Angebot an. Dann änderte sie ihr Leben: Ute Holschumacher lernte nicht nur lesen und schreiben. Sie hörte auch auf, sich zu verstecken. Wenn das Team des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung mit dem ALFA-Telefon auf Tour geht und Menschen animiert, besser lesen und schreiben zu lernen, ist Ute Holschumacher oft dabei. Sie geht auch weiter zur Volkshochschule, um ihre Lese- und Schreibkenntnisse zu festigen und besucht die Schreibwerkstatt des Bildungsträgers Lesen und Schreiben e.V. Die Geschichten, die dabei entstanden wurden jetzt sogar in dem Buch  „Tomaten in der Badewanne“ veröffentlicht. „Ich fühle mich jetzt frei“, sagt Ute Holschumacher und lächelt.