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Volltext zur Dokumentation „Torsten aus Tremsbüttel – Schule & Arbeit“

Wenn Torsten an seiner alten Schule vorbeigeht, kommen ungute Gefühle in ihm auf. In seiner Schulzeit hatte er es nicht leicht. Er besuchte die Grundschule, später die Gesamtschule und machte die mittlere Reife. Ohne richtig lesen und schreiben zu können. Man zog ihn durch, irgendwie. Ihm ging alles zu schnell. Oft wurde er gehänselt, wenn er vorlesen musste. „Es ist ein gemischtes Gefühl. Es ist mal....Es erinnert mich an diese Hänseleien, es war halt immer nur bei Klassenarbeiten, wenn ich die wiedergekriegte, da war es immer diese 6, und das war immer das Schlimmste.“

Seit vielen Jahren besucht Torsten die Volkshochschule Hamburg und lernt einmal in der Woche, drei Stunden. Ganz aus freien Stücken, ganz ohne Hänseleien. Hier zu lernen macht ihm Spaß und er freut sich über seine Erfolge. Sein Leben hat sich verbessert.

Heute hat er einen festen Job und das Lernen mit Gleichgesinnten ist zum Hobby geworden. „Ich sag A und der andere sagt B und dann überlegt man...“ „WETTEN“. „Genau, gut“. „Wie wird das jetzt geschrieben? ...ehhhh“. „Wetten dass“. „Ja, ja“. „W-E-T-T-E-N“. „Sehr gut“.

„Mein Motto ist halt gern, man lernt nicht nur einmal, man lernt das ganze Leben. Und deswegen bleibe ich auch am Ball. Und es macht immer wieder Spaß. Und man lernt auch neue Leute kennen, die das gleiche Problem haben. Und man kann dann über das gleiche Thema sprechen.“ „Egal wann man anfängt, ob du jetzt mit 88 anfängst oder mit sechs aus der Schule, ist es egal. Irgendwann ist immer der erste Schritt und der ist immer der beste. Also ich würde jetzt jederzeit wieder neu anfangen, in dem Sinne doch. Lohnt sich immer.“ Es sind kleine Kurse und jeder Teilnehmer wird persönlich betreut, so wie er es braucht.

Torsten wohnt in seinem Elternhaus in Tremsbüttel im Norden Deutschlands. Heute lebt er mit seinen beiden älteren Schwestern zusammen. Sonja und Doreen unterstützen Torsten, wenn er Schwierigkeiten hat und sind stolz auf ihren kleinen Bruder, erzählt Wirtschaftsinformatikerin Doreen. „Ich bin halt stolz darauf, dass er immer dabeigeblieben ist, dass er sich nie aufgegeben hat und dass er immer wieder weitergemacht hat und versucht hat, besser zu werden. Früher war Torsten sehr schüchtern und zurückhaltend. Er fühlte sich oft hilflos. Das hat sich geändert. Heute hat er keine Angst mehr vor Herausforderungen.“

Er ist stolz auf sich, dass er seine Lese-Schreibschwäche in Angriff genommen hat. Auslöser war der mehrfache Jobverlust. Es sah zunächst hoffnungslos aus für ihn, so dachte er damals. „Ich habe zweimal meinen Job verloren, weil ich nicht gut lesen und schreiben konnte und die Chefs das nicht gern gesehen haben.“ Für Torsten gab es nur einen Ausweg: sein Kurs bei der Volkshochschule. Heute arbeitet er als festangestellter Zerspanungsmechaniker bei Transnord. Hier weiß man Torstens Qualitäten zu schätzen. Seit er lernt, ist er selbstbewusster geworden und auch selbstständiger. „Ich bin stolz, dass ich das selber so gut hinkriege und die Kollegen das auch so aufnehmen.“ Torsten begann als konventioneller Dreher. Mittlerweile arbeitet er auch am Computer und in der Verpackungsstation. „Er ist ein vielseitiger Kollege geworden, der offen mit seinen Schwierigkeiten umgeht und auch deshalb ein gutes Standing in der Firma hat.“

Seit vier Jahren ist Torsten bei Transnord angestellt. Sein Vorarbeiter schätzt seine Zuverlässigkeit und seinen Einsatz. Und er findet Torstens offenen Umgang mit seiner Lese-Schreibschwäche beeindruckend. „Ja, ist eine gute Sache eigentlich, dass er das nicht verschweigt. Also, dass er wirklich kein Problem damit hat, das zu sagen. Und, nö, okay.“ Vor kurzem hat ihm sein Chef den Staplerführerschein bezahlt. Er investiert in Torsten und verfolgt damit langfristige Pläne, wie Torsten selbst. „Also ich kann hier bis zur Rente bleiben, ich hoffe, dass ich auch bis zur Rente hierbleibe. Und bin eigentlich frohen Mutes, dass ich hierbleibe.“

Thorsten ist einer von 6,2 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die nicht gut lesen und schreiben können. Seit er lernt, hat er viel mehr Chancen in seinem Leben.

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