Volltext zum Interview: Kiendl – Erkennen
Wir haben Susanne Kindl von der VHS Hamburg gefragt: Woran merke ich, dass jemand nicht richtig lesen und schreiben kann?
Ja, das kommt drauf an. Es ist so, dass man vielleicht bei Behördenmitarbeitern, wenn man im Jobcenter ist oder so, da fällt natürlich schnell auf, dass jemand ein Formular nicht direkt ausfüllen möchte, sondern sagt, ich nehme das einfach mit nach Hause, lese mir das in Ruhe durch, bringe das zum nächsten Mal ausgefüllt wieder mit. Solche Sachen wie - ich habe meine Hand verstaucht, ich habe meine Lesebrille vergessen - das sind durchaus übliche Möglichkeiten, um sich aus solchen Situationen so ein bisschen zu entziehen. Für die Mitarbeiter in Ämtern und Behörden ist es so, allerdings natürlich, wenn es eine Vertrauenssituation mittlerweile ist. In der Regel müsste es auch eine Vier-Augen-Situation sein, sonst ist es keine gute Idee, das anzusprechen.
Aber dann kann man sicherlich einfach Empfehlungen rausgeben und sagen, wo es die Möglichkeit gibt, das nachzulernen. Im beruflichen Umfeld ist es häufig so, dass die Kollegen es daran erkennen, dass alle Aufgaben, die mit Lesen und Schreiben zu tun haben, irgendwie möglichst umorganisiert werden.
Also ich bin vielleicht in der Pflege, müsste jetzt die Dokumentation machen und sage aber zu meiner Kollegin, Mensch, mach du doch für uns beide die Dokumentation. Ich gehe schon mal zu Frau Müller, Zimmer 13 und mache die irgendwie fertig. Fertig für die Nacht oder für den Morgen. Das sind so Anzeichen.
Dann gibt es bei Lehrern und Erziehern, die haben oft darüber, dass auf kleine Informationen nicht reagiert wird. Wir hatten eine Sensibilisierungsschulung in der Kita hier relativ nah um die Ecke, wo die eine Erzieherin immer sagte, es war Sommer, die Sonne brannte und das Kind sollte dringend bitte mit Sonnencreme eingeschmiert werden. Und es kam keine Reaktion. Sie hat einen Zettel ins Fach gelegt von dem Kind. Das Kind hat das mitgenommen und die Eltern haben es gesehen, aber irgendwie nicht reagiert. Da kann man natürlich langsam hellhörig werden und denken, da könnte ein Grundbildungsbedarf bestehen.
Kennen Sie Erwachsene in Ihrem Umfeld, die vielleicht nicht gut lesen und schreiben können?