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Volltext zur Dokumentation: Hind und Abdul

Familie Array mit alten Fotos. Fotos vom Leben der Mutter als Kind in Marokko. Für ihren Sohn ein unvorstellbares Leben. Hind durfte keine Schule besuchen. Sie musste den Haushalt der Großmutter führen. Mit 18 verließ sie ihre Heimat und ging nach Spanien. Dort lernte sie ihren Mann Abdul kennen. „Als ich meinen Mann kennengelernt habe, da wusste er es nicht, weil das sieht man einem ja nicht an. Dann habe ich halt von mir erzählt, dass ich halt leider nicht schreiben und lesen kann. Und ich habe in Marokko keine Schule besucht. Das ist halt nicht wie bei ihm, er hat Schule besucht. Und dann hat er mich angeguckt und dann meinte er, das ist doch nicht schlimm, man kann es immer noch lernen. Ja, da war ich glücklich.“

„Ja, jetzt bin ich sehr selbstständig geworden und das ist sehr wichtig und ich bin jetzt sehr ruhig. Und stolz, ja, natürlich.“ Noch vor einem Jahr war Hind bei vielen alltäglichen Dingen auf Hilfe angewiesen. Einen Fahrplan für die Bahn konnte sie weder lesen noch verstehen. Geschämt hat sie sich nie für ihre Lese- und Schreibschwierigkeiten und aktiv um Hilfe gebeten. „Dann habe ich die eine Dame gefragt, ob sie mir helfen kann. Dann hat sie gesagt, ja, der Plan steht doch da, Sie können das doch lesen. Dann habe ich ihr gesagt, leider kann ich das nicht lesen. Und deshalb habe ich sie auch gefragt. Sonst hätte ich sie ja nicht gefragt. Oder würde ich sie nicht fragen.“ „Hallo, guten Tag, ich habe heute einen Termin bei Ihnen.“ „Hallo, herzlich willkommen.“

„Geben Sie mir gerade mal die Karte. Dankeschön. So, dann würde ich Sie noch mal bitten, den Anamnese-Bogen von uns mit auszufüllen. Und dann können Sie dazu im Wartezimmer einen Moment Platz nehmen.“ „Vielen Dank, mache ich gerne. Aber mein Problem ist, ich kann nicht alles lesen.“ „Ja, dann kommen Sie doch gerne noch mal zu mir. Und dann helfe ich Ihnen. Und dann schauen wir, dass wir das zusammen ausgefüllt bekommen.“ „Vielen Dank, danke schön.“ „Gerne.“ „Ich würde jetzt sagen, das gehört ja eigentlich auch mit zu unserem Beruf, dass wir einfach ja auch, wir sind hier im Vorzimmer, wir sind die Dienstleister auch und dass man da Freundlichkeit mitbringt, ist eigentlich eine gute Voraussetzung, dass man einfach auch die Intimsphäre wahrt, die Privatsphäre auch schützt und höflich miteinander umgeht.“

Früher begleitete sie ihr Mann zum Arzt, der sich dann natürlich jedes Mal freinehmen musste. Das passte Hind nicht. Sie will selbstständig sein, ihre Dinge selbst in die Hand nehmen. „Frau Array?“ „Ja?“ „Ja, schönen guten Tag. Kerger, mein Name. Dann folgen Sie mir doch bitte.“ „Dankeschön.“ „Heute ist mein erster Termin bei meiner neuen Hausärztin. Und ich bin super geholfen und ich fühle mich wohl. Es gab Sachen, die ich nicht verstanden habe. Und dann haben die mich unterstützt. Und ich bin froh, dass es auch solche Ärzte gibt. Dass sie helfen und nicht sagen, zum Patienten, die sollen ja googlen, das geht überhaupt nicht, das kann man nicht machen.“

Seit einem Jahr lernt Hind mit Evelyn Hübler im 1 zu 1 Basic-Programm der Volkshochschule. Die ehemalige Vorstandsassistentin unterrichtet ehrenamtlich. Grammatik und Vokabeln, aber auch bei Lernspaziergängen unterwegs im Alltag. Hind soll direkt unabhängiger und selbstständiger werden.

Bald wird Hind wieder einen Kurs der Volkshochschule besuchen, zur Vorbereitung auf den Hauptschulabschluss. „Wir hatten viel Freude, wir haben viele Sachen zusammen gemacht, wir haben im Park gelernt, wir haben hier bei der Arbeiterwohlfahrt gelernt, wir haben in einem anderen Raum gelernt, wir sind zusammen zur Straßenbahn gelaufen und zur U-Bahn Haltestelle, Fahrplan geübt, und es gibt natürlich auch eine ganze Reihe von privaten Dingen, die man dann mitbekommt, also, wenn es irgendwelche Problematiken gibt, sei es bei der Arbeit, sei es eine Frage zur Schule von den Kindern, zur Ausstattung des Arbeitsplatzes zuhause, ganz viele unterschiedliche Dinge.“

„Es macht mir Riesenspaß mit Frau Hübler zu lesen und zu lernen, weil wir haben dabei Spaß und ich lerne auch viel mit ihren tollen Geschichten, es ist nicht immer, dass wir Buchstaben machen und danach lesen wir auch und sie hat auch immer tolle Geschichte, die auch Wissenschaftlich sind und das finde ich einfach toll. Das ich auch etwas Wissen dazu lerne. Das macht mir Riesenspaß.“

Hind möchte nicht nur lesen und schreiben lernen, sondern auch den Hauptschulabschluss machen. Und dann endlich ihren Traum verwirklichen, der sie frei und unabhängig macht. „Das ist meine größte Motivation, weil ich möchte ja mein Ziel und meinen Traum erreichen, anerkannte Kosmetikerin zu werden.“ Hint ist eine von 6,2 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht gut lesen und schreiben können. Sie hat ihr Ziel fest im Blick. Infos und Lern- und Beratungsangeboten finden Sie auf mein-schlüssel-zur-welt.de.

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