Bundesministerium für Bildung und Forschung

„Jetzt halte ich sogar Vorträge“

Foto | Lutz Zimmermann für BMBF: Solveig Klockmann © 2015

Wenn sie zu Hause vor dem Bücherregal steht, kann sie sich oft gar nicht entscheiden, in welchem Buch sie zuerst schmökern soll. Solveig Klockmann beendete die Schule, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Nach jahrelangem Lernen begeistert sich die 30-Jährige jetzt besonders für Liebesromane – und konnte sich auch im Berufsleben zu einer unverzichtbaren Arbeitskraft entwickeln.    

In einer Großküche schwingt Solveig Klockmann den Kochlöffel, bereitet Desserts und Salate vor. Als rechte Hand des Chefkochs hat sie beruflich ihre Erfüllung gefunden: „Kochen war schon immer meine Leidenschaft“, sagt Solveig.

Nachdem die Hamburgerin von der Schule abging, hätte sie die Aufgaben in ihrer Firma kaum bewältigen können. Denn als Küchenhelferin muss sie Kochbücher und Rezepte lesen. Und dazu war sie als Teenagerin noch nicht in der Lage. Der Grund: In ihrer Schulzeit lief fast alles schief, was schief laufen konnte.

Das erste Schuljahr auf der Grundschule: Die kleine Solveig tat sich schwer mit Bleistift und Füller, die Mitschüler waren von Anfang an schneller und besser, konnten einfacher nachvollziehen, was die Lehrer von ihnen erwarteten. „Ich war ruhig und schüchtern, wollte möglichst nicht auffallen“, sagt sie heute.

Weil sie im ersten Schuljahr nicht mitkam, wurde das Mädchen auf eine Förderschule versetzt. Dort wurde sie einfach mitgeschleift. Der Förderunterricht lief ineffektiv, vorbei an ihren individuellen Bedürfnissen. Außerdem fehlte die eigene Einsicht, mehr als andere in den Lernprozess investieren zu müssen. Die Beurteilung im Zeugnis („nicht bewertbar“) deprimierte die Schülerin.

Noch vor dem Abschluss kam sie aus gesundheitlichen Gründen auf ein Internat in Schleswig-Holstein. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Polster- und Dekorationsnäherin. Mängel in den Ausbildungsberichten konnte sie durch hervorragendes handwerkliches Geschick ausgleichen.

Den unbedingten Willen, lesen und schreiben zu lernen – den entwickelte sie erst mit 19 Jahren, nach der Rückkehr in ihre Hamburger Heimat: „Ich habe gemerkt, dass ich mit dem Wissensstand, den ich damals hatte, nicht voran komme im Leben.“ Sie nahm ihr Herz in die Hand, meldete sich an der Volkshochschule an und besuchte erste Lese- und Schreibkurse. Jede Woche drei Stunden – auch wenn es Mühe macht, auch wenn es manchmal schwer fällt.

Heute ist Solveig Klockmann überzeugt: Jede Minute, die sie in ihre Lese- und Schreibfertigkeiten investiert, lohnt sich. „Ich bin viel selbstbewusster geworden“, sagt sie. „Mein Leben hat sich komplett verändert.“ Mittlerweile fährt sie in ihrer Freizeit auf Buchmessen und hält Vorträge. Mit ihren Freunden aus der Hamburger Selbsthilfegruppe wirbt sie öffentlich für Lese- und Schreibkurse: „Wir wollen vor allem Jugendliche dazu bringen, ihre Chance zu nutzen, sich hinzusetzen und zu lernen.“

Solveig Klockmann sieht sich als Vorbild für Tausende junge Menschen, die es in der Schule nicht geschafft haben, ausreichend lesen und schreiben zu lernen: „Mein eigenes Leben ist das beste Beispiel. Ich nehme die jungen Leute an die Hand und bringe sie dort hin, wo sie hin wollen.“ Ihr wichtigster Rat: „Es lohnt sich immer für das Leben zu kämpfen.“

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Montag, 24. April 2017 04:15