Bundesministerium für Bildung und Forschung

Lorenz Woyack: „Das Selbstwertgefühl kehrte zurück“

Ein Mann mit einem Buch vor einem Bücherregal
Foto | Mike Auerbach für BMBF: Lorenz Woyack © 2015

Im vierten Anlauf will er endlich sein Ziel erreichen. Seit zweieinhalb Jahren lernt Lorenz Woyack in einem Kurs des Arbeitskreises Orientierungs- und Bildungshilfe (AOB) lesen und schreiben. Mittlerweile hat der Berliner schon sieben Bücher gelesen.

Zwei Mal pro Woche besucht der 52-Jährige seinen Kurs. Je 90 Minuten mit sieben Lernern. Er brütet über dem Lehrbuch und liest laut einen Satz vor. „Nur zehn Minuten nach dem Notruf traf die Feuerwehr am brennenden Haus ein.“ Seit seiner Kindheit plagt ihn ein Sprachfehler. Zischlaute wie „sch“ und „z“ kann er nur schwer aussprechen. In zahlreichen Sitzungen mit einer Logopädin übte er ausdauernd die Aussprache-Techniken und glättete die ärgsten Fehler. „Besonders schwer zu lesen sind Wörter, die aus dem Englischen oder Französischen kommen“, sagt Woyack. „Immer, wenn die Wörter anders geschrieben als sie ausgesprochen werden, habe ich Probleme.“ Woyack ist vom Ehrgeiz ergriffen. Doch das war nicht immer so. Aktuell lebt er alleine und hat eine Betreuung für seinen Schriftverkehr. Wenn ihn heute ein Buch neugierig macht, liest er sogar abends im Bett: „Das weckt Neugierde. Wenn ich lese, merke ich, dass ich selbstsicherer werde.“ 

Ein Lehrer warnte mit erhobenem Zeigefinger

Woyacks Dilemma – es begann schon im dritten Schuljahr. Weil er Schwierigkeiten hatte, lesen und schreiben zu lernen, kam er auf eine Sonderschule. Dort habe sein Lehrer ihm kaum geholfen und dafür mit erhobenem Zeigefinger gewarnt: „Wenn Du nicht lernen willst, wirst Du es später bereuen.“ 

Schon mit 15 Jahren verließ Woyack die Schule. Im Beruf fand er das, was ihm im Klassenraum immer verwehrt blieb: Anerkennung. Nach einem Praktikum als Bauhelfer in einer Fertighaus-Firma wurde er direkt übernommen, verdiente sein eigenes Geld – und zog kurz vor seinem 17. Geburtstag in eine eigene Wohnung. Lesen und schreiben – auf den Baustellen war das nicht gefragt. Niemand wusste, dass der tüchtige Handwerker Lorenz Woyack ein Analphabet ist. Morgens aufstehen, zur Baustelle fahren, den Helm aufsetzen und schuften bis zum Feierabend – fünf Jahre lang ging das so. Dann hat die Firma geschlossen: Um Häuser zu bauen, gab es im West-Berlin der 80er Jahre kaum noch Grundstücke. 

Der Jobverlust traf Woyack wie ein Schlag. Er musste sich arbeitslos melden, konnte beim Amt aber die Formulare nicht ausfüllen. Heute ärgert er sich: „Ich hätte mich jemandem anvertrauen müssen, dass ich nicht lesen und schreiben kann. Stattdessen bin ich zeitweise verzweifelt.“ Den Anspruch auf Arbeitslosengeld verschenkte er somit.

„Es ist nie zu spät, lesen und schreiben zu lernen“

Er erlebte ein Auf und ein Ab, arbeitete als Tischler, Dachdecker und Kulissenbauer und war als Vorarbeiter sogar für ein Team von zwölf Personen verantwortlich. Von seiner Schreib- und Leseschwäche wussten nur der Chef der Firma und ein Sekretär, der die Büroarbeit erledigte: „Ich bin sehr talentiert und wurde im Handwerk immer geachtet.“ Wegen einer Krankheit ist Woyack schon heute Rentner. Trotzdem setzt er sich nicht zur Ruhe, sondern möchte im Leben noch vieles erreichen: „Für mich ist das Ziel, unabhängig von anderen zu werden und Eigenverantwortung zu übernehmen. Seit ich lesen und schreiben lerne, kommt mein Selbstwertgefühl zurück.“

Lorenz Woyack will Vorbild sein für die rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, die zwar Buchstaben und einige einzelne Worte erkennen, aber keine längeren Sätze verstehen können. Nur etwa jeder Hundertste von ihnen traut sich, Hilfe zu suchen und sich in einem Kurs anzumelden. 

Woyack rät ihnen, die Scheu abzulegen und sich zusammen mit einem Freund, Bekannten oder Verwandten bei einer Schule zu melden: „Es ist besser, sich zu zweit oder zu dritt vorzustellen. Alleine fühlt man sich nicht so sicher.“ Sein Rat an alle Lerner: Spracherwerb erfordert Geduld. Niemand solle erwarten, dass man es nach zwei Jahren könne. „Ich gehe auch dann in die Schule, wenn ich mal keine Lust habe“, sagt Woyack. „Ich bin schon 52 Jahre alt, aber um lesen und schreiben zu lernen, ist es nie zu spät.“  

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Dienstag, 30. Mai 2017 04:15