Bundesministerium für Bildung und Forschung

Peggy Gaedecke: „Meine Tochter motivierte mich“

Eine Frau sitzt vor einem Bücherregal.
Foto | Mike Auerbach für BMBF: Peggy Gaedecke © 2015

Als ihre Tochter Lea am Ohr operiert werden musste, konnte Peggy Gaedecke nicht mal den Fragebogen im Krankenhaus selbst ausfüllen. Die 32-Jährige ist eine von 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, die zwar Buchstaben und einige einzelne Worte erkennen, aber keine zusammenhängenden Sätze lesen und verstehen können. Nach einer Jugend voller Angst nahm die Berlinerin als junge Erwachsene einen neuen Anlauf, um endlich lesen und schreiben zu lernen. Die ersten Erfolge können sich sehen lassen. 

Heute kann Peggy Gaedecke für Ihre 12-jährige Tochter Lea sogar die Entschuldigung selbst schreiben, wenn das Mädchen mal krank wird und in der Schule fehlt. „Es ist faszinierend, dass ich jetzt immer mehr verstehe“, sagt die gelernte Hauswirtschaftshelferin. „Im Unterricht hat mich der Lehrer sogar gelobt und gesagt, ich solle vorlesen, weil ich es doch so gut könne.“ 

Zwei Jahre lang holte Peggy Gaedecke in einem Kurs für Erwachsene nach, was sie als Jugendliche versäumte. Fünf Tage pro Woche vier Stunden Unterricht in einer Kleingruppe (etwa sieben Lerner) beim Grundbildungsträger „Lesen und Schreiben e. V.“ in Berlin-Neukölln. Dabei fühlte sich der erste Schultag für sie an wie eine Befreiung, fast wie eine Erlösung: „Bis dahin dachte ich immer, dass ich mit meinem Problem allein bin auf der Welt.“

Doch allein ist Peggy Gaedecke bei weitem nicht. Im Gegenteil. Allein in der  Bundeshauptstadt Berlin leben rund 300.000 sogenannte funktionale Analphabeten, die zwar einzelne Worte erkennen, aber keine längeren Sätze verstehen können. Doch nur etwa jeder Hundertste hat sich getraut, Hilfe zu suchen und sich in einem Kurs anzumelden. Alle anderen leben weitgehend unerkannt unter uns. Peggy Gaedecke kennt dieses Gefühl: die Angst, der Lehrer in der Schule könnte Sie an die Tafel rufen, um einen Satz anzuschreiben. Oder die Sorge, ein Mitarbeiter auf dem Amt könnte sie auffordern, ein Formular auszufüllen. Sie kennt dieses Gefühl schon seit ihrer Kindheit. 

Wegen Mittelohrentzündung im Krankenhaus

Damals, im zweiten Schuljahr, lag sie wochenlang mit einer Mittelohrentzündung im Krankenhaus. Sie verlor den Anschluss in der Schule und mogelte sich anschließend zwei Jahre durch. Versteckte sich schüchtern in der letzten Reihe. Schrieb die Wörter so ordentlich von der Tafel und aus Büchern ab, dass die Lehrer ihre Hilflosigkeit kaum erkannten. „Sie haben es hingenommen. Ich hatte ja so eine schöne Handschrift.“

Der erste Bruch kam im vierten Schuljahr: Ein Leistungstest deckte schonungslos ihre Schwächen auf. Peggy hat das Schuljahr wiederholt, und wurde von da an nach einem neuen Konzept unterrichtet, dem so genannten „Sonderlehrplan für Schwerbehinderte“. Damit fühlte sie sich als junges Mädchen bereits abgestempelt. Indem sie auswendig lernte, schaffte sie später den Hauptschulabschluss. Denn weil sie als behindert galt, zählte die Rechtschreibung nicht. 

Eine erste Lehre zur Hotelfachfrau brach sie ab, weil sie in der Berufsschule hoffnungslos überfordert war. Mit 19 kam ihre Tochter Lea zur Welt. Nach der Elternzeit begann Peggy Gaedecke eine zweite Ausbildung zur Hauswirtschaftshelferin, die sie mit 26 erfolgreich abschloss. 

Nur Mutter und beste Freundin haben es gewusst

Dass Peggy Gaedecke kaum lesen und schreiben konnte – außer ihrer Mutter und ihrer besten Freundin hat es niemand gewusst. Auch die Arbeitsvermittlerin bei der Bundesagentur nicht. Tagtäglich nagte die Angst an ihrer Seele. Ständig habe sie unter Strom gestanden: „Ich hatte Angst, dass jemand fragt und etwas merkt.“ Die innere Unruhe verwandelte sich vor Terminen häufig in Panik. Von Besuchen beim Arzt oder Amt blieb die junge Frau öfter weg.  

Jahrelang improvisierte Peggy Gaedecke ihr Leben. Nahm Formulare vom Arzt mit nach Hause und ließ sie von ihrer Mutter ausfüllen. Bestellte im Restaurant das, was es überall gibt. Und verließ mit ihrer Tochter Lea niemals den heimischen Kiez – aus Angst, sie könne den Weg zurück nach Hause nicht finden. 

Ihr Herz in die Hand nahm sie erst, als Lea in die Schule kam. Denn auf Fragen ihrer Tochter konnte sie keine Antworten geben: „Da habe ich gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann.“ Ihr Freund Enrico unterstützt sie. Zunächst verriet sie ihm lange nicht, warum sie lieber telefoniert als SMS zu schreiben. Doch als sie sich ihm offenbarte, half er sofort: „Wir kriegen das hin, hat er gesagt.“ 

Heute, nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Nora, kann Peggy Gaedecke schon Bücher und Zeitungen lesen. Derzeit liest sie ein Sachbuch über die Pubertät, weil Lea gerade in dem Alter ist. Den vielen anderen Betroffenen rät sie, sich unbedingt einem Freund oder Verwandten anzuvertrauen und Hilfe zu suchen: „Ich bin selbstbewusster geworden und traue mir viel mehr zu, seit ich lesen und schreiben kann.“

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Mittwoch, 25. Mai 2016 04:24