Bundesministerium für Bildung und Forschung

Der erste Schritt war der schwerste

Uwe Boldt arbeitet im Hamburger Hafen, einem der modernsten Containerhäfen der Welt. Der Kranführer liebt seine Arbeit – aber ohne richtig Lesen und Schreiben zu können, kam er beruflich irgendwann nicht weiter. Also meldete er sich nach langem Hin und Her für einen Volkshochschulkurs an. Seither klappt es mit dem Aufstieg – und seine Frau bekommt endlich Liebesbriefe.

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Schienenzange. Oder Schinnenzahnge? Uwe Boldt ist unsicher, versucht das Wort in seine Lautsilben zu zerlegen, spricht es sich vor, seufzt und versucht es noch mal. Ein schwieriges Wort für den 52-Jährigen, der in der Schule nie richtig Lesen und Schreiben gelernt hat. Also umschreibt er es lieber. "Das sind dann zwar mehr Wörter, aber bei denen weiß ich inzwischen, wie sie geschrieben werden", erklärt der Norddeutsche grinsend. Uwe Boldt ist funktionaler Analphabet, laut leo. – Level-One Studie (PDF, 2,9 MB) der Universität Hamburg einer von 7,5 Millionen in Deutschland. Seit zehn Jahren lernt er in Alphabetisierungskursen, zweimal die Woche, "aber auch mal mit Unterbrechungen", sagt er. "Lesen drei, Schreiben fünf", antwortet Uwe Boldt, wenn er sich selbst beurteilen soll. Dabei lacht er laut und kernig – sich davon unterkriegen zu lassen, kam für ihn nie in Frage.

Schreiben fiel ihm schwer

Uwe Boldt ist Gegenwind gewohnt. Seit er 18 Jahre alt ist, arbeitet er im Hamburger Hafen, die Schule hat er nach der 9. Klasse verlassen. Rechnen, Sport und Werken fielen ihm leicht, Sitzen geblieben ist er nie, nur mit dem Schreiben hatte er immer Probleme. "In meinem Zeugnis stand, 'versetzt aus pädagogischen Gründen'", erinnert er sich heute. Im Klassenraum saß er in der letzten Reihe, dort, wo er nicht weiter auffiel. Ein Abschlusszeugnis besitzt er nicht. Trotzdem hat er nach der Schule eine Ausbildung zum Hafenfacharbeiter absolviert. Lesen, das konnte er ein bisschen. Und um das Schreiben kam er irgendwie immer drum herum.

Vom Hafenarbeiter zum Kranfahrer

Heute sitzt er in schwindelerregender Höhe und hievt mit seinem Kran schwere Frachten im Hamburger Hafen. Vom Hafenarbeiter zum ausgebildeten Kran- und Containerbrückenfahrer – damit er so weit kommen konnte, erwarb Uwe Boldt nach und nach alle nötigen Scheine: "Ich liebe meine Arbeit, ich wollte weiterkommen, beruflich aufsteigen", erzählt er rückblickend. Kürzlich hat er sogar eine Qualifizierung zum Gefahrengütertransporter absolviert – "da musste ich die Antworten teilweise selber schreiben, aber das war kein Problem", so der 52-Jährige. Schon lange wollte er diesen wichtigen Schein machen, aber ohne ausreichende Lese- und Schreibkompetenz war das zu riskant. Seit er aber regelmäßig in der Volkshochschule seiner Heimatstadt Lüneburg lernt, geht er solche Dinge viel selbstbewusster an.

Es hat mehrere Anläufe gebraucht

Dabei wollte er eigentlich nie da hin, zur Volkshochschule. Viel zu groß war die Scham. Einmal startete er einen halbherzigen Versuch, vor 20 oder 30 Jahren. Sechsmal ist er an der Fassade der Volkshochschule vorbeigegangen. Und am Ende wieder nach Hause. Erst als er in der Zeitung vom ALFA-MOBIL las, einer mobilen Informationsstelle des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V. –, machte er Nägel mit Köpfen. "Ich bin da also hin und hab’ gleich einen Termin gemacht", erzählt Uwe Boldt. "Die Leute vom ALFA-MOBIL wissen genau, wo es Angebote vor Ort gibt." In Lüneburg ist das die Volkshochschule. Doch dieser erste Schritt fiel ihm immer noch schwer: "Ich musste mich schon überwinden, in den Unterrichtsraum zu gehen." Heute ist er froh, diese Tür geöffnet zu haben: "Wir helfen uns gegenseitig. Und ich fühle mich wohl mit meiner Lehrerin und den anderen im Kurs. Es hat mir gut getan zu sehen, dass es anderen ähnlich geht wie mir", unterstreicht Uwe Boldt.

Heute schreibt er Liebesbriefe

Und das war längst nicht alles, was sich für ihn änderte. "Beim Schreiben komme ich zwar immer noch an meine Grenzen, aber es klappt schon viel besser. Ich habe einfach die Angst verloren", sagt er stolz. Heute schickt er seiner Frau sogar Liebesbriefe, wenn er unterwegs ist. Früher hätte er Situationen vermieden, in denen er zum Stift hätte greifen müssen. "Ich suche die Herausforderung. Heute noch mehr als früher", freut sich Uwe Boldt. Sogar den Tauchschein hat er endlich gemacht – "ein lang gehegter Wunsch." Und ob es jetzt Schienenzange oder Schinnenzahnge heißt, das kriegt er auch noch raus. Da ist sich der Lüneburger ganz sicher.

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Montag, 24. April 2017 04:15