Bundesministerium für Bildung und Forschung

Oldenburg

Gruppenfoto mit Oldenburger Bündnis
Foto | Frank May für BMBF: "Oldenburger Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" gewinnt erste Unterzeichner © 2012

Die Kampagne vor Ort: Am 21.11.2012 machte die multimediale Ausstellung „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ Station in Oldenburg.

Aktionstag "Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt" in Oldenburg

Eröffnung der multimedialen Ausstellung in der Oldenburger Volkshochschule

Gleich zu Beginn der Veranstaltung wird es ruhig in der Volkshochschule Oldenburg. Fünf Teilnehmer an Lese- und Schreibkursen für Erwachsene stehen auf dem Podium und verlesen das europäische Manifest der Lernenden. Sie fordern mehr Investitionen im Bereich der Erwachsenenbildung, kostenfreie Grundbildung für alle und mehr Mitspracherecht bei der Konzeption von Bildungsprogrammen. Die zur Ausstellungseröffnung von "Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt" zahlreich erschienenen Gäste hören aufmerksam zu. "Die Lernenden sind die besten Botschafter", sagt Achim Scholz, Leiter des ABC-Projekts in Oldenburg. Und auf Botschafter wie Ernst Lorenzen ist die Alphabetisierungsarbeit angewiesen, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit noch stärker für die Belange von funktionalen Analphabeten zu sensibilisieren.

Sensibilisierung der Öffentlichkeit

Fast 40 Jahre lang war Lorenzen berufstätig, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Dann wurde er erwerbsunfähig und packte sein Leben neu an. Er besuchte einen Intensivkurs für Erwachsene, gründete gemeinsam mit Brigitte van der Velde die erste ABC-Selbsthilfegruppe Niedersachsens und geht heute als Botschafter für Alphabetisierung des Bundesverbands für Alphabetisierung und Grundbildung e. V. ganz bewusst an die Öffentlichkeit. Auf Fachtagungen und Veranstaltungen spricht er vom schwierigen Alltag ohne Schriftsprache, von Scham und Diskriminierung, aber auch vom Weg raus aus diesem Teufelskreis. "Die Menschen müssen einfach wissen, dass sie nicht alleine sind, dass es Erwachsene mit ähnlichen Problemen gibt. Und dass es konkrete Unterstützung gibt, wenn man lesen und schreiben lernen möchte", sagt Lorenzen am Nachmittag in der Gesprächsrunde mit Achim Scholz und weiteren Vertretern des Oldenburger Bündnisses für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener.

Neues Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung

In Oldenburg ist die Botschaft längst angekommen. Hier wirken Programme wie das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt "Arbeitsplatzbezogene Bildung bringt Chancen (abc+)". Das von der VHS initiierte Projekt basiert auf den Erfahrungen auch von Lernerinnen und Lernern. abc+ wendet sich insbesondere an gering qualifizierte Erwerbstätige. Eigens entwickelte Lernwerkstätten unterstützen durch Aufgaben und Übungen, Interviews und Kurzfilme mit Bezug zum eigenen Arbeitsumfeld beim Lesen- und Schreibenlernen. Es ist eines von zahlreichen Alphabetisierungsprojekten in der Region. Das neue Oldenburger Bündnis soll jetzt gezielt dafür sorgen, dass solche Angebote noch stärker in Anspruch genommen werden. An dem im Rahmen der Ausstellungseröffnung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellten Zusammenschluss können sich alle Unternehmen, Institutionen und Vereine aus der Region beteiligen.

Breite gesellschaftliche Vernetzung

"Alphabetisierung geht uns alle an", erklärte Thomas Bartelt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. "Wir besuchen mit unserer bundesweiten Kampagne gezielt regionale Vorzeigeprojekte, um eine breite gesellschaftliche Vernetzung wie hier in Oldenburg voranzutreiben. Wir dürfen da nicht mehr wegschauen." Damit es niemandem so geht wie Ernst Lorenzen. Denn dass er Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat, sei eigentlich schon in der Grundschule klar gewesen, erzählt er. Anstatt ihm zu helfen, hat ihn der Lehrer in die letzte Reihe gesetzt. Es folgten Sonderschule und eine Lehre als Tischler. Die Gesellenprüfung habe er nur geschafft, weil er hier vieles mündlich machen konnte. Es sind Geschichten wie diese, die zeigen wie wichtig solche regionalen Bündnisse für Alphabetisierung sind. Seinen ersten Brief schrieb Ernst Lorenzen im Alter von 55 Jahren – einen Brief an seine Tochter in Berlin. "Dieser Brief war das Größte für mich", erzählt er heute. "Ich habe zu Hause am Schreibtisch gesessen und geheult – geschrieben und geheult. Aber es hat hingehauen." Elf Interessenten folgten heute dem Aufruf zur Kooperation und sicherten mit ihrer Unterschrift ihre Mitwirkung am Oldenburger Bündnis zu.

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Freitag, 29. Juli 2016 04:18